Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

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Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

Beitragvon holzelse » Di Sep 20, 2016 12:09 am

Hallo allerseits,

im Juni 2016 wurde ich HIV-positiv getestet (Ansteckung vermutlich 2013), im Juli und September wurden dann im Abstand von ca. 6 Wochen zweimal Helferzellen und Viruslast bestimmt (sowie ein allgemeines Blutbild erstellt). Da bei der ersten Blutabnahme die Helferzellen bei 310 und die Viruslast bei 100000 lagen, sechs Wochen später bei 230 und 400000, scheint es nicht vertretbar, mit dem Beginn der ART noch länger zu warten.

Die Ärztin möchte mir eine Kombination aus Truvada und Tivicay verschreiben, zusätzlich soll ich am Anfang noch einen Monat lang Prezista+Norvir nehmen. Sie begründet das mit der hohen Viruslast und meint, der zusätzliche Proteasehemmer würde die Viruslast schneller senken als eine bloße Dreierkombi. Sie hätte damit gute Erfahrungen gemacht und andere Schwerpunktärzte, mit denen sie im Austausch steht, würden das auch machen.

Soweit ich mich informiert habe, scheint Truvada plus Tivicay eine der "modernsten" und nebenwirkungsärmsten Therapien zu sein Prezista noch einer der Proteasehemmer mit den wenigsten Nebenwirkungen.

Was haltet Ihr von der einmonatigen "Intensivtherapie" mit dem zusätzlichen Proteasehemmer? Hat da irgendwer Erfahrungen damit gemacht (evtl. auch im Bekanntenkreis)?

Hat dies tatsächlich Vorteile oder überwiegen die Nebenwirkungen? Falls es grundsätzlich sinnvoll ist, ist es sinnvoll, das nur einen Monat lang zu machen, oder sollte man das zusätzliche Medikament besser über einen längeren Zeitraum einnehmen (z.B. bis die Viruslast sicher unter der Nachweisgrenze ist)?

Außerdem mache ich mir Sorgen bzgl. der regelmäßigen Medikamenteneinahme, da ich einen sehr unregelmäßigen Lebensstil habe. Meine Sorge ist dabei weniger, daß ich eine Dosis komplett auslasse als vielmehr, daß ich den ungefähren 24-Stunden-Rhythmus nicht einhalte.

Meine bisherige Erfahrung mit Medikamenten ist, daß ich sie am zuverlässigsten einnehme, wenn ich ins Bett gehe. Das tue ich nämlich jeden Tag und nahezu immer bei mir zuhause, so daß ich einfach die Medikamentenpackung neben das Bett stelle und dann vor dem Schlafengehen die Tabletten nehme. Allerdings gehe ich zu sehr unregelmäßigen Zeiten ins Bett, in einer Woche z.B. um 0.30, 3.30, 5.30, 2.30, 3.00, 4.30 und 2.00 Uhr (ich hab mir das mal eine Woche lang aufgeschrieben). Manchmal gehe ich auch schon vor Mitternacht ins Bett, nach 6 Uhr wird es selten. Der Zeitraum für die Medikamenteneinnahme wäre also eine Zeitspanne von ca. 5 Stunden.

Was haltet Ihr von einer derart unregelmäßigen Medikamenteneinnahme bzw. habt Ihr da Erfahrungen damit?

Ich weiß, daß es Leute gibt, die die Medikamente nur alle paar Tage einnehmen. Verglichen damit wäre meine Unregelmäßigkeit ja relativ harmlos. Andererseits ist meine Hauptsorge, daß die Therapie aufgrund falscher Einnahme irgendwann einmal versagen könnte.

Natürlich könnte ich mich auch darauf festlegen, die Tabletten z.B. jeden Tag um 16 Uhr einzunehmen. Das ist eine Zeit, zu der ich immer wach bin - aber praktisch niemals am selben Ort. Ich müßte die Tabletten also immer mitnehmen, ebenso etwas Wasser zum Einnehmen, und dann auch noch dran denken, sie einzunehmen. Theoretisch könnte ich so den 24-Stunden-Rhythmus exakt einhalten, aber praktisch wäre das Risiko, daß ich immer wieder mal eine Dosis komplett auslasse, viel größer.

Vor einiger Zeit mußte ich z.B. drei Monate lang Tabletten gegen Nagelpilz einnehmen. Da habe ich keine einzige Dosis ausgelassen, allerdings habe ich die eben nicht "alle 24 Stunden", sondern "einmal am Tag" eingenommen (nach dem Zu-Bett-Geh-Schema zu unterschiedlichen Zeiten). Bei Medikamenten, wo dieses Schema nicht möglich ist (z.B. wenn man sie mehrmals täglich oder zu einer Mahlzeit einnehmen muß), vergesse ich manchmal schon bei zweiwöchiger Behandlungsdauer gelegentlich eine Einnahme.

Also lieber versuchen, den 24-Stunden-Rhythmus genau einzuhalten mit dem Risiko, immer wieder mal eine Dosis zu vergessen, oder lieber die eher unregelmäßige Einnahme irgendwann zwischen Mitternacht und 5 Uhr, bei der das Risiko einer kompletten Auslassung verschwindend gering ist?
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Re: Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

Beitragvon Tim62 » Di Sep 20, 2016 9:47 am

Willkommen hier im Forum! Nach dem was ich weiß, ist eine Viererkombi für eine begrenzte Zeit kein Fehler, sondern eine gute Option bei einer sehr hohen VL wie bei dir. Persönliche Erfahrung, auch im Bekanntenkreis, habe ich damit allerdings nicht. Die Medikamente sind auch soweit völlig OK, wobei du vielleicht nochmal nachfragen könntest, warum Truvada verschrieben werden soll und nicht der Nachfolger Descovy. Die Wirksamkeit ist vergleichbar, und angeblich wird Descovy noch etwas besser vetragen.

Gerade in den ersten Wochen solltest du versuchen, wenigstens in einem Rhythmus 24 plus/minus 2 Stunden die Tabletten einzunehmen. Weglassen bzw vergessen einer einzelnen Dosis ist dann keine große Gefahr mehr, wenn deine hohe VL runter ist. Eine Einnahme "alle paar Tage" ist allerdings alles andere als empfehlenswert. Solange sich HIV noch in deinem System weiter repliziert, hast du bei Unterschreiten der wirksamen Konzentration von WIrkstoffen ein höheres Risiko einer Mutation mit Resistenzbildung als bei einer unterdrückten Replikation. Mit deiner Kombi kann dieser Zustand aber in wenigen Monaten oder sogar Wochen erreicht sein. Genau vorhersagen lässt sich das nicht. Also würde ich dir sehr dazu raten, den Fokus auf die tägliche Einnahme zu legen, anstatt bei den 24 Std genau auf die Uhr zu schauen. Alles Gute!
Tim

05/2012 Infektion (vermutlich)
05/2013 CD4:1032 34% VL 131000
02/2014 CD4:817 26% VL 180000
02/2014 Kivexa/Tivicay
04/2014 CD4:1042 30% VL <50
seitdem CD4 um 1300 ca 38% VL <50
11/2014 Triumeq
06/2016 Studie BIC/F/TAF - Triumeq
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Re: Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

Beitragvon joya » Di Sep 20, 2016 10:02 am

Die lange Halbwertzeit von Truvada (40h, soweit ich mich erinnere) macht es tolerant gegen Schwankungen bei der Einnahmezeit. Tivicay hat mit 14h eine kürzere Halbwertzeit, hat aber eine hohe Resistenzbarriere. Mit der Regel "24h plus/minus 2h" bist Du deshalb auf der sicheren Seite. Ich halte es genauso und hatte bisher weder Resistenzen noch Blips. Auch sonst kann ich Tim62 nur zustimmen.

Warum aber Truvada und nicht den weniger toxischen Nachfolger Descovy?
2017: CD4 656~800/39~41% / CD4/CD8-Ratio 1.2~1.3 / Viruslast <20
2016: CD4 589~800/31~41% / 0.9~1.3 / <20 | Seit Mai: Descovy+Tivicay
2015: CD4 660~814/33%~42% / 0.9~1.2 / <20
2014: CD4 504~780/34%~42% / 0.9~1.3 / <20 | Seit März: Truvada+Tivicay
2013: CD4 588~665/35%~42% / 0.9→1.25 / <20
2012: CD4 370~760/33%~38% / <20
2011: CD4 423→576/23%→32% / <20 | Seit Januar bei 321/18% / 3935: Truvada+Reyataz+Norvir
2010: CD4 266~299/20% / 4911~31100 | Juli: Diagnose
2009: Januar: Infektion
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Re: Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

Beitragvon holzelse » Di Sep 20, 2016 4:31 pm

Danke erstmal für die Informationen.

Soweit ich mich erinnere, hat die Ärztin bei einem unserer bisherigen Gespräche ein Nachfolgemedikament von Truvada erwähnt, ich kann mich allerdings nicht mehr genau erinnern, warum sie Truvada bevorzugt. Es kann sein, daß ihr die Datenlage für das neue Medikament zu unklar war oder daß sie wegen der Viruslast Bedenken hatte, aber ich weiß es nicht mehr genau (aufgrund der Viruslast hat sie auch einige andere Medikamente für die Anfangstherapie ausgeschlossen, auf die ich aber zu einem späteren Zeitpunkt wechseln könnte).

Von anderer Seite habe ich gehört, daß das neue Medikament eigentlich nur ein "Trick" des Herstellers sein soll, dem auslaufenden Patentschutz für Truvada bzw. Teilen davon entgegenzutreten und das "neue" Mittel weiterhin teuer verkaufen zu können. Von der Wirkung her soll es keinen Zusatznutzen haben und der versprochene Nutzen in Bezug auf die Nebenwirkungen soll für die meisten Patienten nicht relevant sein. Wenn es wirkt und ich es vertrage, warum sollte ich dann nicht Truvada oder ggf. in ein paar Jahren entsprechende Generika nehmen?
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Re: Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

Beitragvon Tim62 » Di Sep 20, 2016 10:03 pm

holzelse hat geschrieben:(Descovy)Von der Wirkung her soll es keinen Zusatznutzen haben und der versprochene Nutzen in Bezug auf die Nebenwirkungen soll für die meisten Patienten nicht relevant sein. Wenn es wirkt und ich es vertrage, warum sollte ich dann nicht Truvada oder ggf. in ein paar Jahren entsprechende Generika nehmen?

Kein Zusatznutzen bedeutet, genauso wirksam. Bei weniger potentiellen Nebenwirkungen. Du weißt vorher nicht, ob du von Nebenwirkungen betroffen sein wirst oder nicht. Da du (nehme ich an) versichert bist, spielen die Kosten bei deiner persönlichen Entscheidung für oder gegen ein Medikament keine Rolle.
https://www.aidshilfe.de/meldung/truvad ... medikament
Tim

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04/2014 CD4:1042 30% VL <50
seitdem CD4 um 1300 ca 38% VL <50
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Re: Therapiestart - Viererkombi? Adhärenz?

Beitragvon orlando3 » Di Sep 20, 2016 11:14 pm

descovy hat gg-über truvada den vorteil,dass zu weiniger und gar keinen nierenfunktionsstörungen kommen wird.
kein wunder ist ja nur 1/10tel des wirkstoffs von viread drin.(wirkt genauso gut,die studien hierzu belegen dies eindrücklich).
also bestehe auf descovy.

deine tabletten solltest du schon (relativ) regelmässig einnehmen),d.h. +/- 2 stunden.
wenn du immer nach mitternacht ins bett gehst,dann nimm sie doch einfach gg 24 h und basta.
egal ,ob du dann erst um 3 oder 4 ins bett gehst,
lg orlando
pos seit mind. ende 84,med´s seit 04/07
7/10 342 23,6 % < NW
6/11 167 19 % <NW
3/12 185 21% <NW
10/12 433 26% <NW
2/13 262 26% <NW
12/13 355 24% <NW
seit 6.2. Truvada/Tivicay
3/14 499 27% <N
10/14 330 23 % <NW
2/15 440 23%. < NW
seit 5 monaten auf descovy/isentress (1/tgl)
12/16 888 30% < NW
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